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„Es wäre auch heute wieder möglich“
Dienstag, 24. Januar 2012
„Wir sind nicht verantwortlich für das, was war, sondern wir sind verantwortlich für das was jetzt passiert“. Mit diesen Worten eröffnete Klaus Schultz, Diakon der evangelischen Versöhnungskirche in Dachau, seinen Vortrag über die Ausstellung „Namen statt Nummern“ in der Mittenwalder Grund- und Mittelschule. Sie erinnert an die Gräueltaten der NS-Zeit mit 22 Biografien aus dem „Dachauer Gedächtnisbuch“. Auch der letzte „Gewaltmarsch“ vom KZ nach Mittenwald wurde von Zeitzeugen einem mehr als bewegtem Publikum, hauptsächlich Schülern, erzählt.

Eröffneten die Ausstellung: Die KZ-Überlebenden Ernst Grube, Maurice Cling, sowie Bgm. Adolf Hornsteiner und Direktor Wolfram Schumm (v.l).
„Ich habe das Grauen gesehen“, dokumentierte ein damals 14-Jähriger Junge namens Ernst Holthaus aus Grünwald bei München in seinem Tagebuch: „Tägliche Angriffe und Feuerwehreinsätze prägten unseren Alltag. Dann kamen die zig Tausenden Menschen in gestreifter Häftlingsuniform in unserer Straße vorbeigezogen“. 67 Jahre später haben sich die Bilder vom „Gewaltmarsch“ von Dachau nach Mittenwald immer noch in sein Gedächtnis eingebrannt und „er wird sie nie mehr wieder vergessen können“, erzählte der heute 81-Jährige bei der Eröffnung der Ausstellung „Namen statt Nummern“ in Mittenwald.
Auch Überlebender und bekennender Gegner der Brendtenfeier in Mittenwald, Maurice Cling, erinnert sich noch gut, als er 1945 als 16-Jähriger auf dem Gewaltmarsch mit marschieren musste: „Einige Nazis glaubten immer noch an das Hirngespinst ‚Alpenfestung‘“, so Cling.
Bewacht von rund 100 SS-Männern deportierte man ihn zuerst bis nach Seefeld. Von dort aus kam der heute französische Professor mit vielen anderen nach Mittenwald. „Es war eine gespenstische Stimmung. Eine Frau werde ich nie wieder in meinem Leben vergessen: Die Mittenwalderin steckte mir heimlich zwei Kartoffeln zu“, erinnert sich der Pariser zurück. Dennoch war die Todesangst gegenwärtig, „da die Nazis selbst in Mittenwald noch Häftlinge erschlugen“. Er versteckte sich in einer Scheune. „Am nächsten Tag erreichten die amerikanischen Truppen Mittenwald“.
„Das Thema ist aktueller als jemals zuvor“, kommentierte Bgm. Adolf Hornsteiner im Bezug auf die rechtsextreme „Zwickauer Terrorzelle“. Ein Thema, welches seit Wochen die überregionale Presse beherrscht. „Man muss die Schüler über die nachweislich unvorstellbaren Gräueltaten des NS-Regimes aufklären. Auf die Frage, ob denn dies heute überhaupt noch notwendig ist, kann ich aus persönlicher Überzeugung nur sagen: Es ist wichtiger denn je unsere Demokratie durch Aufklärung zu schützen, denn es wäre auch heute wieder möglich“.
Natürlich verwies Hornsteiner bei seiner Rede auf das KZ-Denkmal vor der Schule, welches vor zwei Jahren für Kontroversen sorgte: „Im kleinen, beschaulichen Mittenwald wurde damit ein klares Signal in die Welt gesetzt“. Auch Werner Karg von der bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit übernahm ein Grußwort.
Die Wanderausstellung zeigt eine Auswahl von 22 Biografien des „Dachauer Gedächtnisbuch-Projekts“. Es werden Geschichten über Menschen verschiedenster Nationen, welche in der Zeit von 1933 bis 1945 ins Konzentrationslager Dachau deportiert wurden, bewegend erzählt. Zu sehen ist sie noch bis zum 10. Feber in der Grund- und Mittelschule Mittenwald.



