PZ Seefeld
rabemedia gmbh
Bernhard Rangger
Hohe-Munde-Straße 61
AT-6100 Seefeld in Tirol
Tel. +43(650)4576196
redaktion(at)pz-seefeld.at
Rebbellion der Scharnitzer Musikkapelle
Montag, 02. April 2012
Es war kein April-Scherz. Vielmehr trieb es den Scharnitzer Musikern die Zornesröte ins Gesicht, als sie vergangenen Donnerstag bei der Gemeinderatssitzung erfahren mussten, dass ihr Antrag auf Errichtung eines neuen Probelokals erneut vertagt wurde. Um den Austritt von 15 Musikanten aus dem Verein zu verhindern, erschien die Kapelle bei der Palmprozession in voller Montur ohne Instrumente.

Seit mehr als einem Jahr klagt die rührige Musikkapelle Scharnitz ihr Leid: Das bestehende Probelokal aus dem Jahre 1963 ist ein besseres Kellerloch mit 50m2, das einmal für eine 20-Mann-Kapelle konzipiert war. Eine Raumhöhe von 2,20 m ist nicht nur akustisch eine Katastrophe, es fehlt an Frischluft, und angesichts eines höchst erfreulichen Bestandes von 40 aktiven Musikantinnen und Musikanten können wegen Raummangels keine Vollproben mehr abgehalten werden – man probt im 2-Schicht-Betrieb.
Man wandte sich an die Gemeinde Scharnitz, aber von dort kam außer aufmunternden Worten nichts. Es würde geprüft, ob der Gemeindesaal aufgestockt, ein Neubau oder die Adaptierung sonstiger, bestehender Räumlichkeiten Abhilfe schaffen können, versprach die Bürgermeisterin. 2012 soll die erarbeitete Lösung dann umgesetzt werden.
So lange wollten die Musikanten unter ihrem Obmann Herbert Bodner nicht untätig bleiben und erarbeiteten ein Konzept mitsamt provisorischer Kostenschätzung, das im Herbst 2011 bereits der Gemeinde vorgelegt wurde. Die reinen Baukosten wurden grob mit € 430.000 inkl. MwSt. geschätzt, bei Eigenleistungen durch Musikanten und Gemeindebauhof könnte mit € 350.000 das Auslangen gefunden werden.
Bei der März-Sitzung des Gemeinderates sollte nun ein Grundsatzbeschluss zur Errichtung eines neuen Probelokales gefasst werden. Niemanden, auch nicht dem Bauausschuss hatte die Bürgermeisterin das Ansuchen vorgelegt. Zur Verunsicherung trug weiters bei, dass zwischenzeitlich auch die Schützenkompanie und die Plattler neuen Raumbedarf angemeldet hatten.
Ganz untätig war die Bürgermeisterin freilich nicht geblieben – in Gesprächen mit dem Land konnte sie aus Mitteln des Dorferneuerungsprogrammes Tirol eine Zusage für einen Zuschuss von je 250.000 € für die Dauer von 4 Jahren abringen. Nach deren Schätzung für eine umfassende Lösung – also Schützen und Plattler inklusive – wäre aber mit mindestens 1,6 Mio. € Gesamtkosten zu rechnen, was der Gemeinde trotz des großzügigen Zuschusses eine kaum tragbare Last von 600.000 € aufbürden würde.
Der Gemeinderat konnte mangels an Kenntnissen über das vorgelegte Projekt nur vertagen. Der Bauausschuss soll sich bis zur nächsten Sitzung mit zwei Repräsentanten der Musikkapelle mit den Plänen befassen, dann soll über die weitere Vorgehensweise beraten werden.
Die Musikanten sind über den nicht gefassten Beschluss aber so aufgebracht, dass es am 1. April zu besagten Streikmaßnahmen kam: Sie trafen sich in der Früh das Palmsonntags und zogen ihre Trachten an. Die Musikinstrumente ließen sie aber im viel zu kleinen Probelokal. Nach der Prozession, die eher einem Trauermarsch glich, verlas Kapellmeister Christoph Schwenniger am Beginn der Messe eine Erklärung: „Unsere heutige geschlossene Anwesenheit in voller Montur ohne Musikinstrumente ist ein eindringlicher Hilferuf, mit dem wir dokumentieren möchten, dass wir gerne weiterhin für die Dorfgemeinschaft wirken und da sein wollen. Mit 206 Jahren ist die Musikkapelle eine der Ältesten und traditionsreichsten des Landes Tirols, sie ist aber akut in Gefahr sich aufgrund der untragbaren Situation aufzulösen.“
Schuld an dem Dilemma ist laut Bodner die Untätigkeit von Bgm. Isabella Blaha: „Wir ersuchen sie daher als Verursacherin der Krise, bis auf Weiteres für die musikalische Gestaltung der dorfgemeinschaftlichen Feiern wahrzunehmen. Dann kann sie auch zeigen, ob sie im Ort eine Musikapelle haben will oder nicht!“
Hier ein Auszug aus der Rede von Kapellmeister Christoph Schwenniger an Palmsonntag:
„Wir, die Musikantinnen und Musikanten, möchten die Scharnitzer Bevölkerung und unseren hochwürdigen Herrn Pfarrer um Verständnis bitten, dass wir heute die musikalische Gestaltung des Palmsonntagsfestes nicht übernehmen.“
„Dass die Musikkapelle Scharnitz ein großes Problem mit ihren Arbeitsbedingungen hat, ist hinlänglich bekannt und unserem Wunsch nach Verbesserung derselben wird von der Bevölkerung große Sympathie entgegengebracht.“
„Bedauerlicherweise wird die Musikkapelle, trotz wiederholter wohlwollender Versprechungen, seit Jahren von unserer geschätzten Frau Bürgermeisterin hingehalten und es werden aus unerfindlichen Gründen sämtliche Initiativen und Bestrebungen der Musikkapelle, eine tragfähige Lösung zu finden, konsequent und in äußerst fragwürdiger Art und Weise torpediert und hintertrieben.“
„Unsere heutige geschlossene Anwesenheit in voller Montur ist ein eindringlicher Hilferuf, mit dem wir dokumentieren möchten, dass wir gerne weiterhin für die Dorfgemeinschaft wirken und da sein wollen, dass jedoch die Musikkapelle - mit 206 Jahren eine der ältesten und traditionsreichsten des Landes Tirol - akut Gefahr läuft, sich aufgrund dieser untragbaren Situation aufzulösen.“
„Dafür können und wollen wir keine Verantwortung mehr übernehmen! Vielmehr bitten wir respektvoll die Frau Bürgermeisterin als Verursacherin dieser Krise, bis auf Weiteres diese Verantwortung für die musikalische Gestaltung der dorfgemeinschaftlichen Feiern, in welcher Form immer, wahrzunehmen.“
„Weiters bitten wir die Frau Bürgermeisterin, in Wort und Tat zu zeigen, ob sie eine Musikkapelle im Ort haben will oder nicht“.



